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WWF/Survival-Streit um Pygmäen

OECD-Gespräche zwischen Survival und WWF gescheitert

Survival International Deutschland e.V. Pressemitteilung, 5.9.17

Die richtungsweisenden Vermittlungsgespräche zwischen Survival International und dem World Wildlife Fund (WWF) über eine Verletzung der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen sind an der Frage der Zustimmung indigener Völker gescheitert.

Survival hatte die Zusage des WWF erbeten, zukünftig die Zustimmung der Baka-„Pygmäen“ zur Verwaltung von Naturschutz-Zonen auf ihrem Land in Kamerun sicherzustellen. Eine Grundsatzerklärung des WWF sieht genau dies vor. Der WWF lehnte dies ab. Survival entschied daraufhin, dass die Fortführung der Gespräche keinen Zweck hätte.

Survival hatte die OECD-Beschwerde Anfang 2016 eingereicht und darin die Schaffung der Naturschutzgebiete auf dem Land der Baka ohne ihre Zustimmung bemängelt. Zudem hatte Survival das wiederholte Versagen des WWF kritisiert, effektive Maßnahmen gegen die schweren Menschenrechtsverletzungen durch Wildhüter zu ergreifen, die vom WWF ausgebildet und ausgestattet werden.

Zum ersten Mal wurde unter den OECD-Leitsätzen eine Beschwerde gegen eine Naturschutzorganisation geprüft. Die Mediation fand in der Schweiz statt, wo der WWF seinen Hauptsitz hat.

Der WWF spielte bei der Schaffung mehrerer Nationalparks und Schutzgebiete auf dem Land der Baka und anderer Regenwald-Völker in Kamerun eine entscheidende Rolle. Seine eigenen Richtlinien besagen, dass solche Projekte die freie, vorherige und informierte Zustimmung der Betroffenen benötigen.

Ein Baka erklärte 2016 gegenüber Survival: „Die [Wildhüter] schlugen die Kinder und auch eine ältere Frau mit Macheten. Meiner Tochter geht es immer noch schlecht. Sie zwangen sie sich hinzuhocken und schlugen sie überall – auf den Rücken, auf ihren Po, überall mit Macheten.“

Ein anderer Baka erklärte: „Sie sagten mir, ich soll meinen Vater auf dem Rücken tragen. Ich begann zu laufen, sie schlugen mich, sie schlugen meinen Vater. Drei Stunden lang schlugen sie mich jedes Mal, wenn ich aufschrie. Bis ich ohnmächtig wurde und mit meinem Vater zu Boden stürzte.“

Naturschutz wird als Rechtfertigung genutzt, um den Baka gewaltsam den Zugang zu ihrem Land zu verweigern. Aber die Zerstörung des Regenwaldes durch Holzfirmen – einige davon Partner des WWF – geht weiter.

Völker wie die Baka haben seit Generationen vom Jagen und Sammeln in den Regenwäldern im zentralen Afrika gelebt, aber ihr Überleben ist heute bedroht.

Indigene Völker wie die Baka sind von ihrer Umwelt abhängig und verwalten diese seit Jahrtausenden. Entgegen gängiger Meinung ist ihr Land keine „Wildnis“. Es gibt Beweise dafür, dass sich indigene Völker so gut um ihre Umwelt kümmern wie niemand sonst. Dennoch hat der WWF sie gegen seinen Naturschutz-Vorhaben im Kongobecken aufgebracht.

Die Baka, wie viele andere indigene Völker in Afrika, werden der „Wilderei“ bezichtigt, weil sie jagen, um ihre Familien zu ernähren. Ihnen wird der Zugang zu großen Teilen ihres angestammten Landes zum Jagen, Sammeln und für heilige Rituale verwehrt. Viele müssen in notdürftigen Lagern am Straßenrand leben, wo ihr Gesundheitszustand schlecht und Alkoholismus weit verbreitet ist.

Derweil hat der WWF Partnerschaften mit Holzfirmen wie Rougier geschlossen, obwohl diese Unternehmen weder die Zustimmung der Baka für die Rodung in den Wäldern haben noch nachhaltige Abholzung betreiben.

Stephen Corry, Direktor von Survival International, sagte: „Der Ausgang dieser Gespräche ist bestürzend und dennoch wenig erstaunlich. Naturschutzorganisationen sollten sicherstellen, dass die freie, vorherige und informierte Zustimmung der Menschen eingeholt wurde, deren Gebiete sie kontrollieren wollen. Dies ist seit 20 Jahren die offizielle Politik des WWF.

„Aber in der Praxis wird diese Zustimmung nie eingeholt und der WWF wollte sich nicht darauf verpflichten, diese für seine Projekte in Zukunft sicherzustellen.

„Jetzt ist klar, dass der WWF keine Absicht hat, die angemessene Zustimmung der Menschen zu suchen – geschweige denn zu gewährleisten –, deren Land er gemeinsam mit Regierungen raubt. Wir müssen den WWF mit anderen Mitteln dazu bewegen, sich an Recht und seine eigenen Grundsätze zu halten.“

„Pygmäen“ ist ein Sammelbegriff, der normalerweise unterschiedliche Jäger-und-Sammler-Völker aus dem Kongobecken und im zentralen Afrika bezeichnet. Auch wenn einige Indigene den Begriff als abschätzig ansehen und ihn vermeiden, nutzen ihn andere aus praktischen Gründen und als einfache Art, sich selbst zu beschreiben.

Hintergrund
  • Survival äußerte erstmals 1991 Bedenken über die Projekte des WWF auf dem Land der Baka. Seitdem haben Baka und andere wiederholt von Festnahmen, Schlägen, Folter und sogar Tod durch WWF-finanzierte Wildhüter berichtet.
  • Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) hat Leitsätze für die Verantwortung von multinationalen Unternehmen veröffentlicht. Sie bietet zudem ein Beschwerdeverfahren, um Verletzungen der Leitsätze zu prüfen.
  • Die Beschwerde wurde bei der Schweizer Kontaktstelle der OECD eingereicht, da der WWF dort seinen internationalen Hauptsitz hat. Gespräche zwischen dem WWF und Survival fanden in Bern statt.
  • Das Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung (FPIC) ist der Grundstein der international anerkannten Rechte für indigene Völker. FPIC hat signifikante Implikationen für große Naturschutzorganisationen, die häufig auf dem Land indigener Völker arbeiten, ohne ihre Zustimmung sicherzustellen.





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