Aktuell


Welterschöpfungstag 2013

Die Welt ist nicht genug

Heute ist Welterschöpfungstag
WWF: Menschheit lebt ab sofort „auf Pump“


WWF Pressemitteilung, 22.8.12

Berlin - Am heutigen Mittwoch ist Welterschöpfungstag. Damit hat die Menschheit die natürlichen Ressourcen (wie Holz, landwirtschaftliche Früchte, Fische und CO2-Speicherung in der Biosphäre) des gesamten Jahres bereits in weniger als neun Monaten verbraucht. Das ergeben Berechnungen zum Ökologischen Fußabdruck des Global Footprint Networks, an dem auch der WWF beteiligt ist. „Schon jetzt haben wir die gesamten Ressourcen ausgenutzt, die unser Planet innerhalb eines Jahres regenerieren kann. Ab heute leben wir auf Pump“, sagt Christoph Heinrich, Geschäftsleiter Naturschutz des WWF Deutschland.

Besonders besorgniserregend ist laut WWF, dass die begrenzten Ressourcen durch den weiter wachsenden Konsum und die steigende Weltbevölkerung immer schneller verbraucht werden. Der Welterschöpfungstag rückt im Kalender kontinuierlich weiter nach vorne – mit verheerenden Folgen: „Artensterben, Klimawandel, Wassermangel und der Kollaps der Fischbestände führen uns deutlich vor Augen, dass der Planet aus den Fugen geraten ist. Schon heute zeigt sich, welche katastrophalen Folgen unser Konsum auf Kredit hat“, so Christoph Heinrich. Im Moment beanspruche die Menschheit bereits so viele Ressourcen, dass eineinhalb Erden notwendig wären, um diese nachhaltig bereitzustellen.

Ein ähnliches Bild zeichnet der aktuelle „Living Planet Report 2012“ des WWF. Die Studie zum Zustand der Erde wird alle zwei Jahre veröffentlicht und misst die Veränderungen der weltweiten Biodiversität und des menschlichen Konsums. Hiernach verdrängt der Mensch in immer stärkerem Maße Pflanzen und Tiere. So beschreibt der „Living Planet Index“ einen deutlichen Rückgang bei der Artenvielfalt. Die Bestandszahlen ausgewählter Tierarten gingen seit 1970 im Schnitt um 30 Prozent zurück. In tropischen Regionen beträgt der Rückgang sogar durchschnittlich 60 Prozent.

Die Verantwortung für die Übernutzung des Planeten tragen laut WWF vor allem die reichen Länder. „Die bittere Ironie ist, dass die ärmeren Länder am wenigsten für die Übernutzung des Planeten können, gleichzeitig aber am stärksten unter den Folgen leiden“, sagt Christoph Heinrich vom WWF. „Doch die Natur kümmert sich nicht um Ländergrenzen. Auch in den gemäßigten Breiten werden wir immer stärker von Naturkatastrophen heimgesucht. Wir sitzen im selben Boot und müssen uns der Herausforderung stellen.“

Um den Bedrohungen zu begegnen fordert der WWF, den Anteil nachhaltiger erneuerbarer Energien bis 2030 global auf mindestens 40 Prozent zu steigern. Weitere Forderungen sind ein besserer Schutz der Ökosysteme, ein Stopp der Waldvernichtung, eine umweltfreundlichere Produktionsweise und veränderte Konsumgewohnheiten. Die Treibhausgasemissionen müssten bis 2050 um mindestens 80 Prozent reduziert werden, nur so lasse sich der Klimawandel begrenzen.


Das Jahresbudget der Natur ist heute aufgebraucht

Von Rahel Osterwalder, Greenpeace-Online, 22.8.12

Heute ist der Tag der Ökologischen Überschuldung. Damit sind alle Ressourcen, die uns für das gesamte Jahr zur Verfügung stehen, in weniger als neun Monaten verbraucht. Das Global Footprint Network in Oakland (Kalifornien) berechnet jedes Jahr den auf Basis des ökologischen Fußabdruckes ermittelten Tag der ökologischen Überschuldung (Earth Overshoot Day). Im Interview mit Jürgen Knirsch, Greenpeace-Experten für nachhaltigen Konsum, erfahren wir mehr darüber.

Online Redaktion: Jürgen, seit wann sind wir überschuldet?

Jürgen Knirsch: Seit Anfang der 70er Jahre - ab diesem Zeitpunkt hat die Biokapazität nicht mehr ausgereicht, um unseren Fußabdruck zu decken. Die Biokapazität ist das, was uns die Erde an produktiver Fläche zur Verfügung stellt und sollte im Idealfall größer als der Fußabdruck sein. Der ökologische Fußabdruck benennt die produktive Land- wie Wasserfläche der Erde, die wir für Ernährung, Wohnen, Mobilität und Konsum in Anspruch nehmen. Er berücksichtigt auch die Fläche, die wir zur Aufnahme unserer Abfälle und zur Kompensation unserer CO2-Emissionen benötigen. Als Maßstab für Biokapazität und ökologischen Fußabdruck wird die Einheit "globaler Hektar" benutzt.

Vor fünfzig Jahren nutzte die Menschheit nur 74 Prozent der Biokapazität. Um 1970 waren es bereits 100 Prozent, 1985 lag der Stand bei 114 Prozent und im Jahr 2012 bei 156 Prozent. Wenn wir so weitermachen, werden wir im Jahr 2050 fast zwei weitere Erden brauchen - kein Mensch weiß, woher wir diese zwei Planeten nehmen können - deshalb müssen wir uns beschränken und mit den Ressourcen, die wir haben, zurecht kommen.

Online Redaktion: Wie hoch ist der ökologische Fußabdruck in Deutschland und wer trägt Schuld daran?

Jürgen Knirsch: In Deutschland beträgt der ökologische Fußabdruck aktuell 4,57 globale Hektar pro Person. Unsere Biokapazität beträgt jedoch nur 1,95 globale Hektar. Das heisst, Deutschland allein verbraucht 2,57 Planeten. Die Verursacher des großen Fußabdrucks in Deutschland sind mit 35 Prozent die Ernährung, die Bereiche Wohnen mit 25 Prozent und Mobilität mit 22 Prozent. Der sonstige Konsum schlägt mit 18 Prozent zu Buche.

Zusätzlich steht die Hälfte des ökologischen Fußabdrucks im Zusammenhang mit dem Energieverbrauch. Sowohl bei der Ernährung, beim Wohnen durch das Heizen, bei der Mobilität durch den Treibstoff, wie auch bei der Herstellung von Konsumgütern, wird viel Energie gebraucht.

Online Redaktion: Aktuell beschäftigt sich Greenpeace mit dem Schutz der Arktis. Laut Experten ist das arktische Eis in den letzten 30 Jahren bis zu 75 Prozent zurück gegangen. Welchen Anteil hat der hohe ökologische Fußabdruck an der Tatsache, dass die Arktis schmilzt?

Jürgen Knirsch: Unser Lebensstil führt nicht nur zu einem großen Fußabdruck, sondern auch zum Klimawandel. Wenn die Hälfte des ökologischen Fußabdrucks im Zusammenhang mit Energie steht, heißt das, dass wir einen relativ hohen Bedarf an Energie haben, den wir überwiegend noch durch Öl und Kohle decken.

Das Schmelzen des Eises der Arktis lässt plötzlich Ölfelder interessant und lukrativ werden, die man früher nicht nutzen konnte, weil sie von einer dicken Eisfläche überdeckt waren. Nun fangen Ölkonzerne wie Shell oder Gazprom an, in der Arktis nach Öl und Gas zu bohren und beides zu fördern. Dies wird natürlich dazu führen, dass unser Ölverbrauch weiterhin hoch bleibt. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Mit der Produktion und fortlaufenden Verwendung des Öls werden wir weiter dazu beitragen, dass das Klima erhöht wird und somit die Arktis noch weiter schmilzt.

Online Redaktion: Wie können wir unseren Lebensstil dem Budget der Natur anpassen?

Jürgen Knirsch: Für die Verringerung des persönlichen ökologischen Fußabdrucks gibt es vier Maßnahmen: Die "vier F". Das erste F steht für weniger "Fliegen". Das zweite steht für weniger Auto-"Fahren", das dritte für weniger "Fleisch" und beim vierten F handelt es sich um "Wohnen wie im Fass" - das heißt der Bereich Wohnen soll optimiert, auf Stromanbieter mit erneuerbaren Energien und richtige Isolierung gesetzt werden.

Es gibt aber ein weiteres und gewichtiges F. Dies steht für "Forderungen" und richtet sich an den Staat. Er muss für einen nachhaltigen Konsum die richtigen Vorgaben setzten und selbst als Vorbild vorangehen, das heißt bei der öffentlichen Beschaffung Produkte bevorzugen, die das Klima weniger belasten.

Wenn man solche Schritte beherzigt, könnte man den ökologischen Fußabdruck deutlich reduzieren und dazu kommen, dass wir vielleicht doch mit unserem einen Planeten auskommen.

Online Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!




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