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Kanadas Ölschiefer-Politik

Kanadas Verbrechen am Klima

Von Benjamin Borgerding, Greenpeace-Online, 9.1.12

Die meisten Europäer halten Kanada für ein Land, das sich durch seine liberale, demokratieliebende Seele angenehm von der Kraftmeierei des großen Bruders USA unterscheidet. Doch der politische Wind in Kanada hat sich in Wahrheit längst gedreht. Kanadas Auftreten bei der Klimakonferenz in Durban hat deutlich gemacht, dass sich das Land inzwischen zu einem “Petro-State” entwickelt hat. In seiner Gastkolumne für das Blog “Making Waves” von Greenpeace International legt Rex Weyler dar, was seiner Meinung nach falsch läuft im Land des Ahornblatts. Der Autor war von 1973 bis 1982 Leiter von Greenpeace. Hier die Übersetzung seines Beitrags:

Mit dem Aufbruch in das 21. Jahrhundert hat in Kanada eine neue politische Führung aus einem globalen Vorbild – einst Kämpfer für Frieden, Menschen und Natur – einen globalen Verbrecher gemacht, ein Land, das sich in Kriege stürzt, Bürgerrechte beschneidet und die Umwelt zerstört. Was ist mit Kanada passiert? Die Antwort: Öl. Nicht irgendein Öl, sondern das schmutzigste und schädlichste Öl überhaupt. Kanadas Verrat bei der Klimakonferenz in Durban, seine Abkehr vom Kyoto-Protokoll, resultiert aus einer Entwicklung, die das Land zu einem “petro-state” (einen Öl-Staat) gemacht hat.

Zum Ende des 20. Jahrhunderts waren Öl-Konzerne sich darüber im Klaren, dass sich die konventionellen Ölfelder dem Ende zuneigen und die Ölförderung bald einen Höhepunkt erreichen würde. 2005 war es soweit. Die Öl-Konzerne, darunter souveräne Ölmächte (“souvereign oil powers”) wie PetroChina, wendeten ihre Aufmerksamkeit niedergradigen Kohlenwasserstoff-Vorkommen in Schiefergas, Offshoreöl und kanadischen Ölsanden zu. Zur selben Zeit förderten Öl-Unternehmen in Kanada die politische Karriere des konservativen Ideologen Stephen Harper, den Sohn eines Öl-Managers.

Shell macht seit 2003 in Ölsanden. Im Jahr 2004 – dem Jahr, in dem sich Kanada mit der Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls zur Reduzierung von CO2-Emissionen verpflichtet hat – haben Öl-Konzerne in Kanada “Think Tanks” und Astroturf-Gruppen gegründet, um ihre Agenda durchzubringen und Harper zum Chef der Konservativen Partei zu machen. Zwei Jahre später, im Jahr 2006, konnnte Harpers Partei eine Minderheitenregierung mit 36 Prozent Stimmenanteil bilden. Es begann in Kanada die Ära des Petro-States: Umweltbestimmungen wurden außer Kraft gesetzt, US-Kriege im Mittleren Osten unterstützt und eine Ölsande-Kampagne began, die eines der ökologisch destruktivsten industriellen Projekte aller Zeiten darstellt.

In Durban, im Dezember 2011, nachdem er Klimawissenschaft und die guten Sitten verhöhnt hatte, erklärte Kanadas Umweltminister Peter Kent, dass Kanada aus dem Kyoto-Vertrag aussteigen würde. Das Land kündigte ein rechtlich verbindliches Abkommen auf, das es sieben Jahre zuvor unterzeichnet hatte. Die kanadische Regierung hat sich zu den politischen Handlangern und der PR-Stimme der internationalen Öl-Industrie gemacht und Kanadas Ruf als ethisches Leitbild verspielt. (...)

Leben als Erdöl-Kolonie (“Life as an oil resource colony”)

“Öl und Demokratie passen nicht gut zusammen,” schreibt Terry Karl in seinem Buch “The Paradox of Plenty: Oil Booms and Petro-States“. Öl ist ein “Ressourcenfluch” für ansässige Bevölkerungen – wie Erfahrungen in Nigeria, Indonesien, Venezuela, Iran, Algerien, Saudi Arabien und anderen Ländern gezeigt haben. Ölreiche Ländern ziehen Paten der Ölindustrie an (“oil industry patrons”), die dazu neigen Diktaturen zu unterstützen. Petro-States verlieren oft die wirtschaftliche Souveränität, erleben menschenrechtlichen Greueltaten sowie die Zerstörung ihrer Umwelt.(...)

Im Jahr 2011 warnte das “Montreal Macro Research Board” davor, dass die “Petrolization” Kanadas zu einem “ernsthaften Fall der sogenannten Holländischen Krankheit” geführt habe, die Kanadas Wirtschaftsunabhängigkeit geschwächt, “das exportierende Gütergewerbe ausgehöhlt” und Kanada in eine zunehmende Abhängigkeit von Öl- und Kohleexporten geführt habe. So wie England zu Thatcher-Zeiten begann Kanada damit, die Profite zu privatisieren und die Kosten der Öl-Produktion zu sozialisieren. Im letzten Jahrzehnt hat Kanada über 14 Milliarden Dollar an Steuersubventionen an Öl-, Kohle- und Gasunternehmen ausgezahlt, während im Industriesektor 340.000 Jobs verloren gingen. Eine Studie der Universität von Ottawa zeigt, dass die Kolonialwirtschaft des Öls (“oil colony economics”) der größte einzelne Faktor für diese Entwicklung ist.

Petro-States, schreibt Terry Karl, handeln “unverantwortlich gegenüber der Bevölkerung”. Um die Agenda der Öl-Unternehmen gegen die Bürger durchzusetzem, neigen Petro-Regimes dazu, Macht zu zentralisieren, Transparenz zu vermeiden und ihre Politik auf Lug und Trug zu stützen.

Politik als Krieg

Zweimal, 2008 und 2009, hat Stephen Harper Anfragen des kanadischen Parlament zu internationalen Deals, Finanzen und Skandalen wie der Misshandlung von Afghanistan-Häftlingen auf Eis gelegt. Untern den Industrieländern rangiert Kanada nun an letzter Stelle im Bereich Informationsfreiheit. Harpers perverse Geheimhaltung ist typisch für Öl-Politik. “So werden Petro-States gemacht,” schreibt Andrew Nikiforuk in einem von Kanadas besten News-Seiten, The Tyee; “es beginnt mit einer leisen Infektion, die die gesamte Seele einer Nation auffrisst.”

Im März 2011 – das Jahr, in dem Harper Kanada in geheimen Kabinettsitzungen regierte – befanden 156 Mitglieder des kanadischen Unterhauses, dass Harper und seine Minderheitenregierung in Nichtachtung des Parlament gehandelt haben, als sie sich weigerten, legislative Informationen an andere gewählte Volksvertreter weiterzugeben. Im April 2011 mussten Kanadier und Kanadierinnen erfahren, dass Harper’s Kontaktmann zur “Canadian Association of Petroleum Producers” zuvor wegen zweifachen Bankbetrugs sowie Betrugs an einem Autohändler und zwei eigenen Klienten verurteilt worden war.

Dieser Straftäter, ein Mann namens Bruce Carson, fungierte als einer der Chef-Lobbyisten für Ölsande und hatte erklärt: “Die wirtschaftlichen und sicherheitstechnischen Vorteile der Ölsande-Ausweitung werden die klimatischen Schäden durch Ölsande höchstwahrscheinlich überwiegen.” Carson äußerte sich zudem gegen “Anstrengungen für saubere Engergie in den USA”. Kanadische Lobbyisten für Ölsande haben bei der US-Regierung gegen CO2-Grenzwerte Lobbyarbeit betrieben.(...)

Kanada gegen den Rest der Welt

Funktionäre der kanadischen Regierung haben die UN als “korrupte Organisation” bezeichnet. Die einstige kanadische UN-Funktionärin Carolyn McAskie schrieb, das einst respektierte Kanada trete nun ein “ganzes Geflecht aus Organisationen, das unabkömmlich für Frieden, Sicherheit und Entwicklung ist, mit den Füßen”.(...)

Während sich Bürger auf der ganzen Welt gegen die Klimafolgen von Ölsanden wehren, hat Harpers Regierung die CO2-Schleudern zu “ethischem Öl” umdeklarieren wollen, in beschämender Missachtung der Fakten. Die Verbrechen von Ölsanden gegen Menschheit und Natur lassen zunächst boreale Wälder verschwinden und dabei gewaltige Tagebauminen entstehen. Zwei Tonnen Sand werden für eine Barrel Öl abgetragen. Zur Produktion von Öl aus Ölsanden wird das dickflüssige Bitumen bzw. “Erdpech” mit natürlichem Gas verschmolzen, wobei ein Drittel der Energie aufgewendet werden muss, die das Öl beinhaltet. Das Ölsande-Projekt in Alberta benötigt über 560 Millionen Liter Wasser aus dem Fluss Athabasca und Grundwasserschichten. Schwarze Abfallstoffe verwandeln Seen in Schlammgruben, töten Vögel und Wildtiere und verseuchen das Grundwasser. Schadstoffe aus dem Rauch von Ölsanden hat in der gesamten Region zu Lungenerkrankungen und im letzten Jahrzehnt zu einem Anstieg der Krebsrate um 30 Prozent geführt. Mike Mercredi der indigenen “Fort Chipewyan Cree Nation” hat die Folgen als “langsamen industriellen Genozid” bezeichnet.

Weitere Frevel: Ausfließendes Öl aus Pipelines und Öltanker, die die gesamte Küste Nordamerikas gefährden. Unterdessen stößt das Projekt mehr als 45 Millionen Tonnen Treibhausgase jährlich aus. Der NASA-Klimatologe James Hansen hat davor gewarnt, dass die völlige Ausbeutung der Ölsande “Game-Over für das Klima” bedeute. (...) Die UN-Beraterin für Wasser, Maude Barlow, hat die Ölsande “Kanadas Mordor” genannt.

Rex Weyler, November 2011

Hier kannst du gegen Ölsande aktiv werden: http://www.drawthelineattarsands.com/




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